Diskursbegriff Foucault Beispiel Essay

Der epistemologische Status der Foucaultschen Archäologie bzw. der Diskursanalyse ist nicht einfach zu bestimmen. "Woher" spricht diese Analyse? Wie liesse sie sich begründen, ohne sich in performative Selbstwidersprüche zu verwickeln – weil ja auch ihr Wahrheitsanspruch als blosser Diskurseffekt entziffert werden kann…? Ist sie ein philosophisches Verfahren, das nach Wahrheit fragt, oder eine Arbeit von Historikern, denen Geltungs- und Wahrheitsfragen egal sein können? Es ist kein Zufall, dass Foucault in der Archäologie des Wissens in den Schlusspassagen sein fiktives Gegenüber ihn fragen lässt: "Welchen Titel trägt Ihr Diskurs? Woher kommt er und mit welchem Recht spricht er? Wie könnte er sich legitimieren?", um dann noch etwas deutlicher zu fordern: "Auf jeden Fall sind Sie gehalten, uns zu sagen, was diese Diskurse sind, die Sie nun seit bald zehn Jahren hartnäckig verfolgen, ohne sie jemals näher auszuweisen. Mit einem Wort, was sind sie: Geschichte oder Philosophie?"[1]


Pitr-masque-street-art (credits:archeologue.over-blog.com)
Foucault antwortet auf diese selbstgestellte Frage durchaus ausweichend: "Mehr als Ihre Entgegnungen von vorhin bringt mich, wie ich gerne zugebe, diese Frage in Schwierigkeiten. Sie überrascht mich durchaus nicht, aber ich hätte sie gern noch einige Zeit offengelassen. Denn im Augenblick und ohne dass ich ein Ende absehen könnte, meidet mein Diskurs – weit davon entfernt, den Ort zu bestimmen, von dem aus er spricht – den Boden, auf den er sich stützen könnte." (S. 292) Also gleich eine doppelte Schwierigkeit: Seinem Diskurs fehle nicht nur die epistemologische Begründung, auf die er sich stützen könnte, oder vielmehr, er suche keine solchen Gründe, geschweige denn, dass er den Ort bestimmen könnte, von wo aus er spricht.

Foucault nun reagiert auf die insistierende Frage seines fiktiven Gegenübers mit einer dezidierten Verschiebung. Er kennzeichnet seinen eigenen Diskurs als "Diagnostik_" (S. 293, Hervorh. i.O.). Dass dies ein Begriff aus dem Feld der Medizin darstellt, ist kein Zufall. In dem im Erscheinungsjahr der _Archäologie, 1969, geschriebenen Aufsatz "Nietzsche, die Genealogie, die Historie" sagt er über den nietzscheanischen Genealogen, als den er sich hier ohne Zweifel selbst charakterisiert, und der nicht die Geschichtswissenschaft der Historiker, sondern die "wirkliche" Historie betreibe: "Die wirkliche Historie sieht sich die Dinge aus nächster Nähe an, doch dann reisst sie sich von ihnen los, um sie aus der Distanz zu betrachten (ähnlich dem Blick des Arztes, der eindringt, um eine Diagnose zu stellen und den Unterschied zu benennen). Der historische Sinn steht der Medizin sehr viel näher als der Philosophie."[2] In der Archäologie heisst es dazu analog, der archäologische Diskurs nehme "unaufhörlich die Differenzierungen vor, er ist _Diagnostik_" (S. 293, Hervorh. i.O.).

Diskursanalyse also heisst: angesichts einer körperlichen Struktur Unterschiede benennen, um eine Diagnose stellen zu können. Ich habe schon in meinem blog vom 8. April 2013 darauf hingewiesen, dass Foucault im Juni 1968 – also aus der Zeit, in der er die Archäologie fertigstellte –, sein eigenes, dezidiert anti-hermeneutisches Schreiben sehr explizit wiederum auf die Medizin bezog, genauer noch auf die Chirurgie und Anatomie, dem Beruf seines Vaters. Diese Analyse dient nicht dem Verstehen, sie hat nichts Versöhnliches, wie es auch in "Nietzsche, die Genealogie, die Historie" direkt im Anschluss an die schon zitierte Stelle über die Parallele zwischen Arzt und wirklichem Historiker heisst: "Denn Wissen dient nicht dem Verstehen, sondern dem Zerschneiden." (S. 182) Und zwar, wie man ergänzen muss, in explizit kritischer, ja politischer Absicht.

Das ist nun genau der Grund, warum Foucault die an ihn selbst gestellte Frage, von welchem Ort aus er spreche, als nicht-beantwortbar zurückweist und ergänzt, die Archäologie habe nicht die Absicht, eine Wissenschaft zu begründen – was ja heissen müsste, begründbare Wahrheitsansprüche zu erheben. Das Wort "Archäologie" bezeichne lediglich "eine der Angriffslinien für die Analyse verbaler Performanzen". (S. 294) Doch auch ein Angreifer muss irgendwo stehen; daher heisst es in der Einleitung zur Archäologie, es gehe ihr darum, "eine Methode der Analyse zu definieren, die von jedem Anthropologismus frei ist. Der Boden, auf dem sie ruht, ist der von ihr entdeckte. Die Untersuchungen über den Wahnsinn und das Auftauchen einer Psychologie […etc….] sind zu einem Teil blinde Versuche gewesen: aber sie erhellten sich allmählich nicht nur, weil sie nach und nach ihre Methode präzisierten, sondern weil sie in dieser Auseinandersetzung über den Humanismus und die Anthropologie den Punkt ihrer historischen Möglichkeit entdecken." (S. 28)

Das ist entscheidend: Dieser "Punkt ihrer historischen Möglichkeit" ist der politische Boden, auf dem die Archäologie bzw. die Diskursanalyse steht. Der Diskursanalytiker nimmt nicht einfach nur einen anti-hermeneutischen, sondern genauer noch einen anti-humanistischen, einen anti-anthropologischen Standpunkt ein. Er fragt daher in der Schlusspassage der Archäologie seinen fiktiven Gesprächspartner: "Welche Angst lässt Sie in Begriffen von Bewusstsein antworten, wenn man Ihnen über eine Praxis, über ihre Bedingungen, ihre Regeln und ihre historischen Transformationen spricht? Welche Angst lässt Sie jenseits aller Grenzen, Brüche, Erschütterungen, Skansionen nach dem historisch-transzendentalen Schicksal des Abendlandes suchen?" Und er ergänzt: "Auf diese Frage gibt es, wie ich meine, nur eine politische Antwort. Für heute wollen wir sie offenlassen." (S. 299)

Schade eigentlich. De facto aber hat Foucault die Antwort nicht offengelassen, sondern seine Kritik am Humanismus mehrfach als politische formuliert. "Sie wissen", bemerkte er in einem Gespräch von 1967, "dass derselbe Humanismus, der 1948 zur Rechtfertigung des Stalinismus und der Hegemonie der Christdemokraten gedient hat, auch der Humanismus ist, den wir bei Camus und in Sartres Existenzialismus finden. Letzten Endes war dieser Humanismus in gewisser Weise die kleine Hure des gesamten Denkens, der gesamten Kultur, der gesamten Moral, der gesamten Politik der letzten zwanzig Jahre."[3] Daher sagte er auch schon 1966: "Wir haben heute die Aufgabe, uns endgültig vom Humanismus zu befreien, und diesem Sinne ist unsere Arbeit politisch, zumal alle Regime im Osten wie im Westen ihre verdorbene Ware unter dem schützenden Dach des Humanismus feilbieten."[4]


TV, 1966 (credits: youtube)

Mit anderen Worten: die historische Möglichkeit der Diskursanalyse, die historische Existenzbedingung Foucaults eigenen Diskurses und damit der eigentliche Boden, auf dem er steht, ist nicht zuletzt der Kalte Krieg, oder genauer noch: Foucaults Gegnerschaft gegen die sich zugleich bekämpfenden wie überkreuzenden Humanismen von Ost und West. Als er 1981 nach seiner anti-humanistischen Kritik der 1960er Jahre gefragt wurde, antwortete er: "Man muss sich an den Kontext erinnern, in dem ich diesen Satz geschrieben habe. Sie können sich nicht vorstellen, in was für einen moralisierenden Morast von humanistischen Predigten wir in den Nachkriegsjahren versunken sind. Alle Welt war humanistisch. Camus, Sartre und Garaudy waren Humanisten. Auch Stalin war Humanist. Ich werde nicht taktlos sein und daran erinnern, dass auch die Anhänger Hitlers sich Humanisten nannten. Das stellt den Humanismus nicht bloss, mach aber ganz einfach verständlich, dass ich zu jener Zeit nicht länger in den Termini dieser Kategorie denken konnte. Wir befanden uns in einer vollkommenen intellektuellen Verwirrung."[5]

Diese politische Positionierung ist für die Foucaultsche Diskursanalyse konstitutiv. Allein, ist diese damit heute, nach dem Kalten Krieg, nach dem Poststrukturalismus und seit dem Internet, nicht gleichsam historisch überholt? Man könnte sagen: In einer Zeit, in der die Autorschaft und das Subjekt aus nicht zuletzt medientechnischen Gründen viel von Ihrem ehemaligen Nimbus verloren haben (ein Nimbus, der just in der so genannten Nachkriegszeit wiederbelebt wurde), im Zeitalter aber auch der Globalisierung, in dem eine abendlandfixierte Vorstellung vom zielgerichteten Verlauf der Geschichte endgültig jede Plausibilität verloren hat, hat auch die politische Funktion der Diskursanalyse, die Namenlosigkeit und anonyme Regelmässigkeit des Sprechens herauszuarbeiten, einiges von ihrer ehemaligen Dringlichkeit eingebüsst. Es stellt sich die Frage, wie das Konzept der Diskursanalyse heute gedacht werden muss.

Ich will dazu nur kurz drei Perspektiven andeuten; sie reflektieren in einer etwas allgemeinen Weise theoriepolitische Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre. Erstens, Stichwort Globalisierung: Die heutige Diskursanalyse müsste – und hat zum Teil auch tatsächlich – den Umstand stärker herausarbeiten oder in den Vordergrund stellen, dass alle Diskurse, die wir in "unserem" historischen Raum untersuchen, von der Grenzziehung zu in der Regel nicht-europäischen Kulturen und Geschichten in einer oft tiefen, kaum noch greifbaren Weise geprägt werden. Im Zeitalter der Globalisierung und der Migration muss Diskursanalyse diese Grenzziehungen stärker in den Fokus rücken.

Zweitens, Stichwort Medien: Die in den letzten zwanzig Jahren radikal veränderte Mediensituation sollte uns dafür sensibilisieren, stärker, als Foucault das selbst explizit gemacht hat – auch wenn die Hinweise nicht fehlen –, die medialen Bedingungen der Diskurse in den Fokus zu rücken. Auch das ist natürlich keine neue Einsicht; wichtig ist aber festzuhalten, dass in dem Masse, wie mediale Infrastrukturen einerseits immer technische Infrastrukturen sind, deren Errichtung und Unterhalt Geld und Macht unterschiedlicher Menge und Art erfordern, und die andrerseits das Wissen-Können determinieren, die Fragen nach der Medialität unmittelbar politische Fragen sind.[6]

Und drittens, Stichwort Sprechen-können, die Sprache ergreifen: Diskurse sind Regelmässigkeiten und Ordnungen des Sprechens, die wie alle Ordnungen die Konflikte und Machtverhältnisse vergessen lassen, die zu ihrer Errichtung geführt haben. Diese Akzentuierung im Feld der Foucault'schen Diskursanalyse stellt also die politische Frage nach der Macht des Sprechen-könnens. Wir leben heute unter Medienbedingungen, die das Wuchern der Diskurse und das unregulierte Sprechen der Leute weitaus sichtbarer, persistenter und damit fassbarer sind als zu Foucaults Zeiten. Vielleicht verdienen die Vielfalt, die Widerständigkeit und die Unregelmässigkeiten des Sprechens heute mehr Aufmerksamkeit, als ein Diskursanalytiker in Zeiten der monopolartigen Massenmedien und des Kalten Krieges sich dies vorstellen konnte.



[1]Archäologie des Wissens, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1995 (Paris 1969), S. 292.
[2] "Nietzsche, die Genealogie, die Historie", in: Schriften, Band II, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2002, S. 166-190. Zitat S. 182..
[3] "Wer sind Sie, Professor Foucault? [Gespräch mit P. Caruso]", in: Schriften, Band I, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2001, S. 770-793, Zitat S. 788.
[4] "Gespräch mit Madeleine Chapsal", in: Schriften, Band I, S. 664-670, Zitat S. 668.
[5] "Interview mit Michel Foucault", in: Schriften, Band IV, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2005, S. 807-823, Zitat S. 821.
[6] Vgl. z.B. http://www.wordsinspace.net/wordpress/2013/05/19/deep-mapping-the-media-city-slides-from-helsinki-keynote/http://blip.tv/oreilly-where-20-conference/lisa-parks-earth-browsing-satellite-images-global-events-and-visual-literacy-975839 – danke, Simon, für die Hinweise!

Die Entstehung, Ordnung und Kontrolle von Diskursen
Der Poststrukturalist Michel Foucault veranschaulicht in seinem Text ,,Die Ordnung des Diskurses“, nach welchen Ordnungsmustern Diskurse entstehen, welche Struktur sie aufweisen und anhand welcher Verknappungs- und Kontrollprozeduren sich ihre Aufrechterhaltung und Weitertragung vollzieht. Wenn im Folgenden die wichtigsten Prozeduren des Zustandekommens von Diskursen knapp und konzentriert dargestellt werden, kommt damit genau das zustande, was Foucault kritisiert. Das von mir verfasste Essay verknappt Foucaults Diskurs, bündelt Elementares seiner Darstellung und lässt Unwichtiges wegfallen. Anfänglich erfolgt eine Gliederung der ,,Ordnung der Diskurse“, die sich im Groben in Systeme der äusseren und inneren Diskurskontrolleund zu-dem in Verknappung und Zulassungsbeschränkung von Diskursberechtigten differenzieren. Unter einem Diskurs verstehtFoucault:

,,jede Gruppe von Aussagen, die in einer Beziehung stehen, die durch bestimmte Formationsregeln analysiert werden kann. Aussagen sind dabei nicht als Akte der Äußerung oder logische Gehalte zu verstehen, sondern als das Gesagte in seiner reinen Materialität (bzw. Positivität), eben als Gesagtes. Die Konzeption der Aussage als diskursives Ereignis schaltet Verzerrungen der Analyse durch die eigene Episteme, d.h. epochenspezifische Wissensordnung, dadurch aus, dass Aussagen nicht auf einen inhärenten Sinn befragt werden, sondern allein aus ihren Beziehungen untereinander untersucht werden. Die Beziehungen, die Aussagen zu diskursiven Formationen verbinden, werden in Bezug auf die Gegenstände, Äußerungsmodalitäten, Begriffe und Strategien von Diskursen analysiert, denn Diskurse bringen hervor, worüber gesprochen wird, welche Auffassungen geäußert werden, mit welchen Mitteln und mit welchem Erfolg das geschieht“ (Rosa. 2007: 283. Hervorheb. i. O.).

Diskurse sind laut Foucault durch drei grosse äussere Kontrollsysteme (Ausschließungs-systeme) gekennzeichnet: Durch das Verbot, durch den Ausschluss des Wahnsinnigen und durch den Willen zur Wahrheit (vgl. Foucault. 2007: 11f.). Das sichtbarste Aus-schließungssystem des Verbots beinhaltet das Tabu des Gegenstands, das Ritual der Umstände und den Ausschluss des sprechenden Subjektes. Diese drei Dimensionen des Verbots beeinflussen sich gegenseitig und entfalten ihre Kräfte insbesondere in den Bereichen der Sexualität und der Politik. Das zweite äußere Diskurskontrollsystem, das der Grenzziehung zwischen Vernunft und Wahnsinn, hat sich im historischen Kontext gewandelt. Einstige Grenzziehungsprozesse früherer Jahrhunderte, wie der Ausschluss von Wahnsinnigen, sind heute keineswegs verschwunden. Diese verlaufen gegenwärtig lediglich nach anderen Linien, durch andere Institutionen und auch die Reichweite der Wirkungen hat sich verändert (vgl. ebd.: 12f.). Dem Willen zur Wahrheit unterliegt das dritte, sich geschichtlich herausgebildete Diskurskontrollsystem, bei dem die Grenze zwischen Wahrem und Falschem gezogen wird (vgl. ebd.: 14). Während bei den Dichtern des 6.Jhds. derjenige Diskurs als der Wahre angesehen wurde, der von den jeweils befugten Personen verbreitet worden ist, hat sich bereits ein Jahrhundert später die Ansicht dahingehend verschoben, dass das als wahr galt, was der Diskurs gesagt hat. Der wertneutrale Wille zum Wissen hat sich im 19. Jhd. zu einem Willen zur Wahrheit verlagert und beruht, wie sämtliche anderen Ausschließungssysteme auch, auf einem institutionellen Ursprung (vgl. ebd.: 15).
Das zweite System des Diskurses, die innere Diskurskontrolle, verläuft über die Dimensionen des Kommentars, der Autorenschaft und der Disziplinen.
,,Interne Prozeduren, mit denen die Diskurse ihre eigene Kontrolle selbst ausüben; Prozeduren, die als Klassifikations-, Anordnungs-, Verteilungsprinzipien wirken“ (ebd.: 17).

Als besonders bedeutend ist der Kommentar hervorzuheben, da dieser sogar im Stande ist, den Primärtext völlig zu verdrängen. Dem Kommentar, welcher Einzug in literarische, religiöse und auch wissenschaftliche Bereiche genommen hat, kommt die Aufgabe zu, das Verschwiegene im bereits Gesagten auszudrücken – dadurch eliminiert er den Zufall des Diskurses (vgl. ebd.: 22). Der Autor als Ordnungsprinzip führt ebenfalls zur Konstellation von Diskursen und deren Verknappung (vgl. ebd.: 20). Als dritten und letzten Aspekt innerer Diskurskontrolle nennt Foucault die Disziplinen. Dieser Bereich kann durch Gegenstände, einem Bündel von Methoden, einem Zusammenspiel von als wahr angesehener Sätze, durch Regeln und Definitionen und letztlich durch Techniken und Instrumente charakterisiert werden.
,,Die Disziplin ist ein Kontrollprinzip der Produktion des Diskurses. Sie setzt ihre Grenzen durch das Spiel einer Identität, welche die Form einer permanenten Reaktualisierung der Regeln hat“ (ebd.: 25. Hervorh. i. O.).

Das dritte System des Diskurses, die Verknappung und Zulassungsbeschränkung von Diskursberechtigten, wird durch den Abschirmmechanismus von Ritualen – im Bereich der Religion, der Gesetze oder der Politik vorherrschend – gewährleistet. Des Weiteren besitzen Diskursgesellschaften, welchen die Aufgabe zukommt Diskurse aufzubewahren und hervorzubringen, das Merkmal der Verknappung. Ausserdem spielen Doktrine, als Zeichen einer Klassenzugehörigkeit, einer Nationalität oder einer Interessengemeinschaft und die Erziehung, als politische Methode das Wissen des Diskurses aufrechtzuerhalten, spielen eine entscheidende Rolle im Diskurssystem der Verknappung und Zulassungsbeschränkung. ,,Es handelt sich hier, mit einem Wort, um die großen Prozeduren der Unterwerfung des Diskurses“ (ebd.: 30). Zur Gewährleistung der Diskurskontrolle werden den Individuen gewisse Regeln auferlegt, um so den Zugang zu den Diskursen nicht jedermann zugängig zu machen (vgl. ebd.: 26). Foucault gelingt es mithilfe seines Werkes bzw. Vortrags,,Die Ordnung des Diskurses“ und durch die Freilegung der, das Denken, das Handeln und das Sein der Menschen bestimmenden Wissensordnung, aufzudecken, dass Wissen nicht als rationaler Denk- und linearer Fortschrittsprozess zustande kommt, sondern vielmehr als Ergebnis kontingenter, politisch durchdrungener Machtstrukturen innerhalb diskursiver Strukturen zu bezeichnen ist (vgl. Rosa/Strecker/Kottmann. 2007: 282f.) – und nicht notwendigerweise derart entstanden ist. Überdies ist zu betonen, dass herrschende Diskurse sowohl die individuellen Bedürfnisse und Wünsche der Menschen (auf der Mikroebene) beeinflussen bzw. manipulieren, als auch das ge-sellschaftlich tradierte kulturelle Wissen (auf der Makroebene).

Die Diskurstransformation am Beispiel des literarischen Diskurses
Das Anliegen der Diskursanalyse ist es nicht – wie etwa in der Hermeneutik – einen literarischen Text in seiner Gesamtheit zu durchdringen und zu deuten. Vielmehr sollen anhand dessen Diskursformationen entschlüsselt werden, die sich durch verschieden-artige Texte und Epochen hindurchziehen. Der Diskurs ,,ist dasjenige, worum und womit man kämpft; er ist die Macht, deren man sich zu bemächtigen sucht“ (ebd.: 11). Foucault interessiert die Modernisierung als Prozess der Disziplinierung und sein Erfolg resultiert aus dessen öffentlich politischem Engagement und dem Bezug zur Gegenwart seiner Diskursanalysen (vgl. Kaesler. 2007: 119f.). Er untersucht in seinem Werk ,,Ordnung der Dinge“ aus dem Jahre 1966, aus welchem der Text ,,Ordnung des Diskurses“ stammt, nach welchen systematischen Regelmäßigkeiten und welchen Kontrollmechanismen sich Diskurse aufrechterhalten, weiterverbreiten und umgestalten. Diese Transformation sieht Foucault nicht durch Umbrüche im Bereich der Vernunft gekennzeichnet, sondern zudem dadurch, dass die Seinsweise und die Ordnung der Diskurse eine elementare Veränderung erfahren. Die Überlieferung und Weitergabe von Wissen hat daher einen historischen Wandel erlebt. Foucault versucht die Sprache der Disziplinen, welche Wissen festlegt, zu definieren. Ähnlich dem, was Kant mit dem Begriff ,,transzendental“ bezeichnet hat, schreiben Diskurse vor bzw. konstituieren, unter welchen Bedingungen Wissen verstanden werden soll. Foucault geht es somit, ähnlich wie Adorno, um die Verzahnung von Sprache und Macht. Foucault zufolge ist der Diskursinhalt durch das geprägt, was zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt als wahr und richtig angesehen wird. Ergo kommt Wissen für ihn nicht als rationaler Denkprozess zustande, sondern ist vielmehr als Ergebnis kontingenter und politisch durchdrungener Machtpositionen innerhalb diskursiver Strukturen zu verstehen (vgl. Rosa/Strecker/Kottmann. 2007: 282f.). Während in der Renaissance das Denken – nach Foucault – noch von Ähnlichkeiten charakterisiert gewesen ist, ändert sich im Zeitalter der Klassik der Begriff der Epistème grundlegend. Die Begrifflichkeit der Episteme bezeichnet nach Foucault:
,,Die Wissensordnung einer Epoche bzw. die implizite epochenspezifische Logik, die paradigmatisch bestimmt, wie Wissen generiert wird und auf welche Weise grundlegende Klassifikationsschemata, Wahrnehmungsformen und Wertmuster die Wissensproduktion einer Gesellschaft still-schweigend beeinflussen“ (ebd.: 282). Diese, aus diskursiven Formationen hervorgehenden, Macht-Wissens-Komplexe beeinflussen nicht nur das gesellschaftliche Wissen, sondern auch die körperlich verankerten Wünsche und Bedürfnisse, sowie die Selbstbilder der Menschen (ebd. 294).

Anhand der Analyse von Diskursen sollen die Episteme einer Epoche, sprich die das Denken, das Sein und das Handeln der Menschen bestimmenden Regeln, und der historische Background der Diskurse zugängig gemacht werden (vgl. ebd.: 283). Ziel Foucaults ist es gewesen, die kontingenten Voraussetzungen einer Epoche freizulegen und zu demonstrieren, dass der Fortschrittsvorgang nicht schlichtweg linear zu denken ist. Wissen wird im historischen Verlauf nicht mehr ausschließlich diskursspezifisch verstanden, sondern als eigendynamische Faktoren, die das Hervorbringen von Wissen prägen. Foucaults Ansatz einer Genealogie der Macht versucht, wie bereits erwähnt, sichtbar zu machen, dass jegliche gesellschaftliche Ordnung ein auf Kontingenz basierender Sachverhalt ist und dieser unter anderen Umständen auch in vollkommen anderer Weise hätte zustande gekommen sein können. Foucault fordert eine Abkehr von der geschichtswissenschaftlichen Betrachtung historischer Taten und bedeutender Ideen; historische Datenquellen werden allerdings als die eigentlichen Materialien der Untersu-chung und Ansatzpunkte der Entwicklung theoretischer Konzepte betrachtet (vgl. Kaesler. 2005: 111f.) – der unhinterfragte Bezug auf historische, scheinbar ,,objektiv“ geltende Quellen kann und sollte daher, meiner Ansicht nach, äußerst kritisch betrachtet und hinterfragt werden.
Foucaults theoretische Überlegungen werden nun im Folgenden am Beispiel des literarischen Diskurses veranschaulicht. Wenn beispielsweise in bezug auf den literarischen Diskurs ein Autor und die von ihm verfassten Texte als Einheit angesehen und diesem Autor spezifische Denkweisen zugeordnet werden, handelt es sich um das Diskurskontrollsystem der Verknappung. Sämtlicher Sinn, der nicht in bezug zu diesem Autor steht, kommt nicht zum Vorschein, obwohl er sprachlich gesehen existiert. Auf diese Art und Weise wird diesem die schöpferische Leistung des Autors als produzierendes Subjekt aberkannt. Jeder Urheber eines Textes wird nicht mehr als individuell genial geschätzt, vielmehr wird dieser im Schatten seiner institutionellen Bedingtheit betrachtet. Das individuelle Subjekt ist Foucault zufolge als ein Produkt von Machtkonstellationen zu verstehen, die als schlussfolgernde Formationen bezeichnet werden können (vgl. Rosa/Strecker/Kottmann. 2007: 285f.). Gegenwärtig müsste die Frage aufgeworfen wer-den, ob die neuen Medien beispielsweise zu einer Lockerung der eingrenzenden Mechanismen des Diskurses beitragen können? Zu Foucaults Zeit – Mitte des 20.Jhds. – haben sich die Ausschlusssysteme des Autors noch maßgeblich um den Bereich der Verlage verdichtet bzw. zentriert. Die heutige verlagsfreie Verbreitung von Texten per Com-puter oder das Internet umfasst eine gravierende Veränderung in der medialen Verfasstheit von Texten und einen tiefgreifenden Wandel möglicher Ausschlussprinzipien. Die Verbreitung von Texten hat sich von Druckereien, über die Verlage und die Schreib-tische der Autoren bis gegenwärtig hin zur direkten und allzeit möglichen Veröffentlichung per Internet ausgedehnt. Die einstig geschützten Zugangsberechtigungen spezifisch verfasster Literatur gehen immer stärker in die Hände öffentlicher Netzbetreiber oder Programmierern von öffentlich zugängigen Datenbanksystemen über. Dies nimmt gegenwärtig überaus kritisch zu betrachtende Züge an. Somit ist heute der Zugang zu spezifischem Wissen, was einstig bestimmten Diskursen und den dazu Berechtigten vorbehalten gewesen und dementsprechend penibel geschützt worden ist, quasi für jedermann zugängig. Dieses Problem würde sich, um Foucaults System auszuweiten, oh-ne ihm zu widersprechen, problemlos in dessen Ausschlusssysteme integrieren lassen. Für die detaillierte Erforschung, inwiefern die neuen Medien den Diskurs verknappen oder ihm Chancen einräumen, sind neuere diskursanalytische Untersuchungen anzuschließen, die Foucaults Ansatz aufnehmen und zusätzlich erweitern. Es existieren gegenwärtig unzählige Diskursanalysearten, die von historischen Diskursanalysen – einen Bezug zur Geschichte herstellend – über genealogische Diskursanalysen – sich mit Familien- und Ahnenforschung befassend – bis hin zu wissenssoziologischen Diskursanalysen reichen. Diese setzen sich allesamt mit Prozessen der sozialen Konstruktion und der Analyse gesellschaftlicher Wirkungen auseinander. Aufgrund der Unvereinbarkeit genannter Diskursanalysegebiete verfolgen unterschiedliche Diskursanalysearten auch unterschiedliche Perspektiven bei der Analyse. Es sind somit für die Erforschung der Wirkung differenter Diskursformationen jeweils divergierende Herangehensweisen von Nöten.

Die Ausschlüsselung bzw. Ausklammerung von Diskursen durch die phänomenolo-gische Methode der Epochè – das vorurteilslose ,,zum Ursprung Finden“
An dieser Stelle erachte ich es als bedeutsam, die Methode der ,,Epochè“bzw. der ,,phänomenologischen Reduktion“ Edmund Husserls – Philosoph und Vater der Phäno-menologie – anzuführen. Durch diese wird versucht Bewusstseinsebenen streng voneinander zu unterscheiden zwischen Meinungen, Spekulationen, Vorurteilen, Paradigmen oder Diskursen auf der einen Seite und zwischen Wirklichkeit bzw. dem an sich er-scheinenden Phänomen auf der anderen Seite. Dies könnte, meiner Ansicht nach, ein wichtiger Schritt in der Aufschlüsselung bzw. Ausklammerung herrschender Diskursformationen darstellen. Husserls Methode der ,,phänomenologischen Reduktion“ (auch Epochè genannt) ermöglicht es aufzuzeigen, wie so manches, als wahr bzw. geltend angenommenes Wissen, nicht auf objektiver Faktenlage, sondern vielmehr auf Forschungstraditionen, vorherrschenden Paradigmen, Spekulationen, menschlicher Konstruktionsleistung und vor allem auf herrschenden, politisch durchdrungenen Diskursen basiert und daher eine kritische Betrachtung erfordert (vgl. Godina. 2012: 50f.). Durch die Vorgehensweise der ,,phänomenologischen Reduktion“ wird versucht von einem ,,natürlichen Bewusstsein“ – dem Bewusstseinszustand, in dem ich der Welt als ,,Welt vor aller Theorie“ begegne – durch Anwendung der ,,phänomenologischen Reduktion“, einer strikten Enthaltung jeglichen Seinsglaubens, einem Innehalten und Einklammern jeglichen Vorwissens über die vorgegeben Wirklichkeit, zu einem ,,phänomenologischen Bewusstsein“ zu gelangen, welches frei von jeglichem Wissen ist (vgl. Waldenfels. 1992: 30f.). Durch diese ,,phänomenologische Reduktion“ wird im letzten Schritt der phänomenologischen Methode Husserls ein ,,absolutes Bewusstsein“ angestrebt, welches der Klärung der grundsätzlichen Frage der Wahrheitsgewinnung dienlich ist und eine radikal vorurteilsfreie Erkenntnis ermöglicht (vgl. Husserl. 1998: 13f.). Die Herangehensweise der ,,Epochè“ könnte für die kritische Betrachtung und Ausschlüsselung herrschender Diskursformationen von enormer Wichtigkeit sein und so manchen Diskursen auf der Ebene der rein theoretischen Betrachtung ein wenig den ,,Wind aus den Segeln nehmen“. Ob allerdings die wirkungsvolle Macht herrschender Diskurse durch die Methode der ,,phänomenologischen Reduktion“ einzudämmen oder gar zu beseitigen ist, bleibt an dieser Stelle fraglich bzw. unbeantwortet.

Literaturverzeichnis:
Assmann, Aleida. (2001): Wie wahr sind Erinnerungen? In: Welzer, H. (Hg):
Das soziale Gedächtnis, Geschichte, Erinnerung, Tradierung.
Hamburg: Hamburger Edition.

Brandmeyer, Rudolf:Literatur und Diskursanalyse. In: Kleiner, M. S. (Hrsg.) (2001):
Michel Foucault. Eine Einführung in sein Denken.
Frankfurt am Main: Campus Verlag, S. 60 – 90.

Bublitz, Hannelore: Archäologie und Geneaologie. In: Kleiner, M. S. (Hrsg.) (2001):
Michel Foucault. Eine Einführung in sein Denken.
Frankfurt am Main: Campus Verlag, S. 27 – 40.

Foucault, Michel. (1974): Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der
Humanwissenschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

Foucault, Michel. (2007): Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt am Main:
Fischer Verlag, S. 10 – 50.

Husserl, Edmund. (1998): Die phänomenologische Methode.
Stuttgart: Philipp Reclam jun.

Kaesler, Dirk. 5. Auflage. (2006): Klassiker der Soziologie. Von Auguste
Comte bis Alfred Schütz. München: C. H. Beck Verlag.

Keller, Reiner.(2005): Michel Foucault. In: Kaesler, Dirk. (Hrsg.): Aktuelle
Theorien der Soziologie. Von Shmuel N. Eisenstadt bis zur Postmoderne.
München: C.H. Beck Verlag, S. 104 – 127.

Link, Jürgen/Link-Heer, Ursula. (1990): Diskurs/Interdiskurs und Literaturanalyse.
In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik. Band 77, S. 88 – 99.

Rosa, Hartmut/Strecker, David/ Kottmann, Andrea. 1. Auflage. (2007):
Soziologische Theorien. 1.2 Soziologie als Reflexion: Analyse und
Diagnose der Moderne. Stuttgart: UTB Verlag.

Ruoff, Michael. (2007): Foucault Lexikon. Diskurs. Stuttgart: UTB Verlag, S. 21 – 37.

Waldenfels, Bernhard. (1992): Einführung in die Phänomenologie.
Paderborn: Wilhelm Fink GmbH & Co. Verlags-KG.

Welzer, Harald. (2001): Das soziale Gedächtnis. Geschichte, Erinnerung,
Tradierung. Hamburg: Hamburger Edition.

Wetzel, Dietmar J. (2003): Diskurse des Politischen. Zwischen Re- und
Dekonstruktion. München: Fink Verlag.


Der Text ,,Die Ordnung des Diskurses“ – auf dem vorliegendes Essay fußt – entstammt Foucaults Ge-samtwerk ,,Die Ordnung der Dinge“ (1966), worauf im Weiteren noch näher eingegangen wird.

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